Besser leben - Sabine Otremba

Die richtigen Worte in schwierigen Situationen finden

Je älter wir werden, desto treffender ist die flapsige Feststellung: Die Einschläge kommen näher. Krankheiten, Jobverlust, Scheidung oder der Verlust lieber Menschen machen auch vor unserem Bekanntenkreis nicht Halt. Und das stellt auch uns vor eine Herausforderung. Denn: Sobald diese Themen zur Sprache kommen, fehlen uns plötzlich die Worte. Wir fühlen mit und möchten das auch zum Ausdruck bringen. Nur wie? Wenn uns andere an ihren persönlichen Schicksalen teilhaben lassen, ringen selbst wortgewandte Menschen um die passenden Worte. Und um dann überhaupt etwas sagen zu können, flüchten wir uns in Plattitüden. Was können wir tun, um in schwierigen Situationen die passenden Worte zu finden? Wir haben mit Instahelp-Psychologin Isabelle Diwoky darüber gesprochen.

Können Worte den Schmerz vertreiben?

In schwierigen Situationen können Worte aufbauen, Mut machen, Trost und Kraft spenden – wir wissen das. Warum nur ist es so schwer, die richtigen zu finden?

Isabelle Diwoky: Es gibt Ereignisse, die sind schmerzhaft. Ein Verlust tut weh. Der Abschied von einem lieben Menschen etwa, das ist schrecklich. Wie kann man darauf richtige Worte finden? Was sind richtige Worte? Was sollen diese „richtigen Worte“ erreichen? Es ist nicht möglich, durch Worte einen Verlust ungeschehen zu machen. Es ist nicht möglich, durch Worte Schmerz zu vertreiben. Es ist nicht möglich, durch Worte die furchtbare Situation besser zu machen. Also bitte nehmen wir uns nicht vor, Worte zu finden, die das erreichen können. Es gibt sie einfach nicht, die Worte, die in einer solchen Lage „alles wieder gut machen“– deshalb ist es so schwer sie zu finden.

Der Druck der Erwartungshaltung

Wie können wir uns von der Erwartungshaltung befreien, besonders hilfreiche oder tiefsinnige Worte finden zu müssen?

Isabelle Diwoky: Das Wissen, dass in einer schlimmen Situation kein Wort so hilfreich oder tiefsinnig sein kann als dass es die Situation vergessen macht, bessert, ungeschehen macht- das kann sehr entlastend sein. Das heißt: ich muss der Person die leidet/trauert/Schmerzen hat/… gegenüber nicht besonders brillieren, muss nicht die geheimen Zauberworte finden. Es reichen in dieser Phase des großen Leids auch vermeintliche Platitüden, oder auch Schweigen aus Betroffenheit ist absolut in Ordnung.

Sind gute Ratschläge ein No-Go?

Wie hilfreich sind vermeintlich gute Ratschläge? Gehören sie noch in die Kategorie der aufbauenden Worte oder sind sie eher fehl am Platz?

Isabelle Diwoky: Gute Ratschläge wie „Reiß dich zusammen“, „das wird schon wieder“, „das Leben geht weiter“… oder Ähnliches sind, wenn sie in der Absicht verwendet werden, Trost in schwierigen traurigen Lebenslagen zu spenden, fehl am Platz. Das Gegenüber hat etwas Schlimmes erlebt, einen Verlust, durchsteht eine schwere Lebensphase und ist da noch mitten drin im Verlusterleben- und das ist in Ordnung so! Einen Jobverlust, eine schwere Erkrankung, ein Todesfall,… das steckt man nicht nach ein paar Tagen weg und lebt dann weiter wie bisher! Rufen Sie sich das ins Gedächtnis.

Früher gab es das Trauerjahr nach dem Verlust eines Ehepartners; ein Jahr der Traurigkeit, das war normal und in Ordnung. Da wurde Rücksicht genommen wenn die Person leiser treten wollte, wenn ihr Leben nicht in kurzer Zeit gleich weiter ging als zuvor. Trauer nach lebensverändernden Ereignissen und Verlusten kann durchaus noch länger dauern als ein Jahr! Das war sozusagen ein guter Durchschnittswert…

Durch gut gemeinte Ratschläge wie die oben genannten bekommt der oder die Trauernde den Druck mit, dass es jetzt genug ist mit Trauern – es wäre an der Zeit sich zusammenzureißen und für die anderen wieder auf „normal“ zu machen. Heißt- da verlangt man zu tun als ob es einem gut ginge obwohl das Innere ganz anders aussieht. Möchte man dem anderen signalisieren: ich verstehe deine Trauer, es war wirklich schlimm was passiert ist- dann haben solche Ratschläge in der Kommunikation nichts verloren. Spricht man aber aus reiner Höflichkeit Worte aus und möchte dann bitte sehr nicht weiter behelligt werden mit den Gefühlen des Gegenübers- dann sind solche „guten Ratschläge“ das Mittel der Wahl um das Gegenüber schnell mundtot zu machen.

Dein Problem, mein Problem?

Wenn uns andere von ihren Problemen erzählen, neigen wir im Gegenzug dazu, ein paar unserer eigenen Probleme auf den Tisch zu packen. Um dem anderen zu signalisieren: Du bist nicht alleine. Wie sinnvoll ist das?

Isabelle Diwoky: Von den eigenen Problemen zu erzählen wenn der andere mit seinen auszupacken beginnt – das kann manchmal durchaus passend sein und Wege durch die Krise aufzeigen. Bei einem frischen Verlust jedoch, der einfach nur schmerzt, ist es unangebracht von den eigenen alten Wunden zu sprechen. Da ist es hilfreicher, dem Gegenüber Platz zu bieten, durch Reden seine eigenen inneren Bilder auf die Bühne zu bringen, seine Gefühle durchzuarbeiten, und das wieder und wieder und wieder, vielleicht über eine lange Zeit und bei vielen unterschiedlichen Gelegenheiten.

Ich bin für dich da…

Verständnisvolles Zuhören ohne große Worte, wie gelingt das?

Isabelle Diwoky: Die eigenen großen Worte sind nicht das, was das Verständnis dem oder der anderen gegenüber ausmacht. Wenige eigene Worte, vielleicht auch das Schweigen aushalten können, die Tränen die da kommen, die vielen Emotionen aushalten können- das ist Verständnis zeigen. Tränen sind Zeichen starker Emotionen, starke Emotionen kann ich nicht von außen hinwegreden – und das muss ich auch nicht. Starke Ereignisse rufen starke Emotionen, hohe Gefühlswellen hervor. Das ist in Ordnung so.

Es ist nicht meine Aufgabe, die Gefühle beim anderen „wegzumachen“, „wegzureden“. Sondern hilfreich ist: sie gemeinsam auszuhalten. Schweigend, je nach persönlicher Nähe zur Person auch die Hand haltend, die Schulter mit einer verständnisvollen Geste berührend die nur zeigt „ich bin da, sei wie du bist“, oder ganz umarmend und streichelnd. Weg von der Idee, dass alles immer gut und schön und fröhlich sein muss, weg von der Idee dass ich alles immer fröhlich machen muss – den anderen in seinem Schmerz akzeptieren, das spendet die meiste Kraft. Da heißt es dann: du warst für mich da.

Fotocredits: iStock.com/Antonio_Diaz


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Mag. MSc Christine Stöger-Knes

24 Bewertungen

Klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin

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